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Alltag

Tür
Es ist Donnerstagnachmittag, die Sonne scheint und ich bin auf dem Weg zur Gemeinde. Nach sieben Schulstunden, umkränzt von zwei Fahrten durch halb Dortmund, kann ich mich da vielleicht ein bisschen entspannen... Schlauer wäre es zwar gewesen, die Hausaufgaben mitzunehmen (was viele machen), aber am Abend ist schließlich auch noch Zeit. Das Tor zum Fahrradkeller ist offen, unten ist es angenehm kühl und still, der Billardtisch liegt schwarz und geschlossen wie ein Konzertflügel im nicht vorhandenen Kerzenschein. Hach ja, hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein...
Tisch

 

„Hey, wolltest du nicht noch einen Text für die Homepage schreiben über den Alltag hier?“, werde ich empfangen. Ach ja, der Text, den hatte ich bis Montag schicken wollen... Gestern konnte mich niemand daran erinnern, weil ich zur Abwechslung mal nicht da war, und am Wochenende... Mist! Und was eine fleißige Gemeindemitarbeiterin ist, die setzt sich eben auch nach sieben Schulstunden und in Erwartung eines mit Hausaufgaben gefüllten Abends an den bereitstehenden Laptop und schreibt einen repräsentativen Text übers Leben in der Jugendetage. Laptop? Ja, Laptop, an den drei stationären Rechnern wird gesurft, gechattet, musikalische Untermalung gesucht, mit Paint gemalt und so weiter, für die wichtige Homepage steht ein bisschen mehr Equipment zur Verfügung, denn die ist, falls ich das noch nicht erwähnt hatte, wichtig. So wichtig, dass ich eigentlich überhaupt keine Lust habe, was dafür zu tun, schließlich bin ich freiwillig hier. Aber egal.
Was macht unseren Alltag aus? Würde ich mit Bleistift schreiben, ich würde jetzt an seinem Ende herumkauen, dann würde mir vielleicht was einfallen (und da rühme noch einer das technische Equipment!), jetzt werde ich allerdings unterbrochen: „Kakao?“ Ja, immer Kakao, danke, mir fällt ja eh nichts ein.

kakao

 

Bild Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. In der Mitte des Raumes sind ein paar Tische zusammen geschoben, darauf liegt ein offensichtlich gestern begonnenes Bild und wartet darauf, dass jemand weiter daran arbeitet. Von hier kann ich nicht sehen, was darauf ist, aber gemeint ist wahrscheinlich etwas Biblisches. Wenn ich jetzt nicht diesen blöden Text schreiben müsste, könnte ich selbst was malen... Ich nippe an meinem Kakao. Wie immer im Leben habe ich jetzt die besten Ideen, wenn ich etwas anderes machen muss.

 

Und schon wieder werde ich unterbrochen, ein paar männliche Teenager strecken die Köpfe über die Schwelle – gut, sie kommen schon rein, aber nicht, um sich hier niederzulassen – und erbitten sich Billardkugeln und -schlüssel gegen Pfand. Kurz darauf hört man das gedämpfte Klacken der gegeneinander stoßenden Kugeln und das hohler klingende Geräusch der anstoßenden Queue, darüber das Stimmengewirr aus den Gesprächen der Jungs.
billardkugeln Die kommen, genau wie wir offiziellen Gemeindemitarbeiter, in erster Linie zur Entspannung her, spielen Kicker und Billard, nehmen auch mal die Computer in Anspruch, während um sie herum Diskussionen über den Begriff der Kunst, einzelne Aussagen bestimmter Bibelstellen, verschiedene Bibelübersetzungen im Allgemeinen, die Finanzkrise und Star Wars toben. Nein, wir sind nicht verrückt. Wir haben einfach nur unsere eigene Definition von Freizeit.

 

Mein Blick fällt auf die Flyer vom Kanufahren, die neben dem Laptop auf dem Tisch liegen. Stimmt, so was machen wir auch noch, bereiten Freizeiten, Gottesdienste, Liverollenspiele, Kinderaktions- und Kinderbibeltage vor, je nachdem, was anliegt. Toll, ist mir doch mal eine Sache eingefallen, die man wirklich auf die Homepage schreiben kann. Das ist eine sinnvolle Sache, ich erinnere mich immer noch an die Kinderbibelwoche 2006, daher weiß ich die gesamten Verwandtschaftsbeziehungen von Abraham bis Joseph mit ihren Nebenlinien, seit diversen Kinderaktionstagen über Daniel weiß ich auch, was es zu bedeuten hat, wenn sich z.B. auf youtube jemand „nebukadnezar“ nennt (was wirklich vorkommt), Kinder- und Jugendarbeit bildet! Eigentlich sollten ja die Kinder was davon mitnehmen... Also auch nicht die perfekte Werbung, dass ICH das jetzt weiß. Die Billardspieler kommen wieder herein, einer, mit einem 50-ct-Stück bewaffnet, möchte eine Cola kaufen, ein anderer hat mit treuherzigem Blick die Frage auf den Lippen: „...was in die Runde schmeißen?“ Also, wenn die jetzt Kekse essen, verlasse ich den Laptop auch, zum Kekse essen und entspannen komme ich schließlich her. Und den Text für die Homepage... Ja... Den kann ich ja noch am Wochenende schreiben.
Miriam Debus